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Orff-Schulwerk

Elementare Musikübung – A1

Rhythmisch-melodische Übung

 

Verfasser: Carl Orff, Vorwort von Fritz Reusch

Sprache: deutsch

Publikationsjahr: 1933 (Edition Schott No. 3551a)

Besetzung: variabel

 

Diese Auflage ist nur noch antiquarisch erhältlich

Inhalt
Vorwort an den Musikerzieher von Fritz Reusch

Rhythmisch-melodische Übung: Erster Teil

Rhythmisch-melodische Übung: Zweiter Teil

Hinweise

Beispiele zur Darstellung und zum Ausbau der Rhythmisch-melodischen Übung

Kommentar
Vorwort an den Musikerzieher

Der künstlerische Gestaltwille einer Zeit stellt sich nicht nur im zeitgenössischen Kunstschaffen, sondern auch in der Idee der Kunsterziehung dar. Erziehungsideen und Erziehungsformen durchdringen einander und verwandeln sich aus sich selbst. In der Erziehung der Gegenwart haben die Worte: Urkräfte und Urformen als unverlierbares Erbgut einen neuen, bedeutsamen Klang gewonnen. Dem Menschen unsrer Zeit öffnet sich der Blick wieder für das gesetzhaft Organische in allem Lebendigen, für Urzeugung und echte primitive Gestaltwerdung.

Kinderlied, Volkslied und Tanz gelten in der Musik nicht mehr als »abgesunkenes Kulturgut« (wie sie eine eben vergangene Epoche durchweg gesehen hat), sondern sie werden wieder nacherlebt als klingender Ausdruck volklicher Urkräfte in eigengesetzlicher Vollkommenheit. Wenn die Musikerziehung von neuem an diese Gestaltkräfte, die als Erbkräfte zu allen Zeiten im Menschen ruhen, heranzuführen sucht, so tut sie es in der Absicht, dem Laien wieder eine eigene musikalische Ausdrucksform zu vermitteln. Sie wird sich dabei auf alte Formen stützen können, wird sie aber mit der lebendigen Kraft unsrer Zeit durchdringen müssen.

Leitgedanke dieser Erziehung wird sein: echte primitive Formung zu erkennen und die schaffenden Kräfte im Menschen in geeigneten Übformen zu wecken.

Von solchen Gedanken ausgehend, richtet sich das Orff-Schulwerk, besonders die »Elementare Musikübung«, ausdrücklich an den Laienmusikerzieher, wenngleich das Werk auch für die elementare Ausbildung der Fachmusiker gedacht ist.

Die Musikbeispiele der »Rhythmisch-melodischen Übung«, in einem eigenwertigen Sinne: »primitive Musik«, sind dem Laien durch ihren Spiel- und Tanzcharakter leicht zugänglich. Wie alle echte Volksmusik ist diese Musik noch bewegungsgebunden, d. h. die Einheit von Stimme, Klanggebung und Bewegung, entsprungen aus reinem Äußerungsbedürfnis, ist in ihr noch unzerstört. Rhythmus als Urkraft wird in primitivster Form durch Klatschen, Stampfen, Schreiten dargestellt; Melos ist gebundener Atem. »Schwierigkeit« ist Entfaltung des Keims, Weitung der Schwingung, Verdichtung der Spannung.

Die Übstücke sind nicht als losgelöste »technische Übungen« aufzufassen, sie sollen vielmehr als »Modelle« in ihrer musikalischen Gestalt wie auch in der Ausführungsmöglichkeit beliebig variiert werden als »Varianten« indessen sind sie gebunden an eine organische Gesetzmäßigkeit, die als Gestaltungsprinzip das gesamte Schulwerk in konsequenter Einheit durchzieht.

Diese innere Dynamik und Organik als Gestaltungsprinzip bestimmt das klanglichtonale Gepräge der Musikbeispiele, wie auch die Übformen, die in ihrer Eigenart und in der improvisatorischen Mannigfaltigkeit der Ausführung dem Musikerzieher wieder geläufig werden müssen. Sowohl die Kreisaufstellung der Gruppe als eine echte »chorische Form«, wie auch das Klatschen und Stampfen bei der Ausführung der rhythmischen Übungen und der Begleitung (beides als Tanzgestaltung in der Volksmusik selbstverständlich) sind durch den musikalischen und pädagogischen Grundgedanken bestimmt. Ebenso bedingt sind Rondo- und Kehrreimform, die als Uranfänge polyphoner und antiphoner Gestaltung (Ruf – Gegenruf, Vorsänger – Chor) gewertet werden müssen. Diese Formen sind zugleich Grundformen der Improvisation. Es wird die Aufgabe des Musikerziehers sein, über Notation und Anweisung hinaus produktiv zu sein, um die Phantasie und Gestaltungsfreudigkeit im Schüler wachzurufen. Zweifellos liegt hier die größte Schwierigkeit für die sinngemäße Erarbeitung des Schulwerks.

Der gleichen Einfühlungsfähigkeit bedarf es der musikalischen Struktur der Übstücke gegenüber. Das Wesen dieser Musik begreift in sich die naturhafte Monotonie zeitloser Leiermelodik wie auch die gemeinschaftszwingende Kraft mitreißender Tanzrhythmik, wie wir sie im naturgebundenen Tanz- und Volkslied als Urprinzipien primitiver Gestaltung finden. Die Melodien schwingen in der Norm der Ur-Intervalle (Naturtöne) um einen oder mehrere Zentraltöne. Aus dieser Elementarmelodik erwächst die Tonalität. Halte-, Liege- und Stützstimmen ergeben Klangkomplexe, die aber keineswegs im Sinne einer funktionellen Harmonik aufzufassen sind. Diese klangverstärkenden Elemente (Bordune) lockern sich zu einfachen Ostinatobegleitungen (»schweifende« Bordune) und erweitern sich zu freieren Begleitformen. Alle diese Begleitformen sind als Modelle rhythmisch und klanglich abwandelbar, im Prinzip indessen wieder gebunden an die Formen primitiver Mehrstimmigkeit, wie sie die alte Organal- und Bordunpraxis im Mittelalter noch aufweist. Diese Anklänge an historische und folkloristische Klangerscheinungen müssen als objektive Strukturgesetzlichkeiten elementarer Formung erkannt werden. Biologische Primitivform und geschichtlich-ethnologische Entwicklungsphase stehen hier in innerer Entsprechung.

ln diesen tieferen Zusammenhang treten nun auch die Mittel der Klanggebung. Singen, Summen, Pfeifen, Klatschen sind elementare Klangformen reinen Äußerungsbedürfnisses. Zwar handelt es sich hierbei um primitive Formen der musikalischen Darstellung, bei denen aber (im Gegensatz zum Instrumentalspiel) Klangwille und Klangwerkzeug noch ungetrennt im Raum des menschlichen Körpers gebunden sind.

Eine besondere »Technik« hat sich also noch nicht »abgelöst«. Darüber hinaus können die Übstücke auch auf einer Reihe von primitiven Instrumenten dargestellt werden, deren Anwendung eine natürliche Erweiterung der vorher beschriebenen Ausführungsarten ist. Die Anwendung dieser Instrumente soll aber erst dann erfolgen, wenn die Bereicherung der Mittel aus einer gesteigerten Klangvorstellung heraus notwendig wird. Dann erst wird sich aus einem lebendigen Ausdrucksbedürfnis der »Vortrag« in allen seinen klanglichen Abstufungen und Verfeinerungen von selbst ergeben. Das gilt in noch höherem Maße für die Übertragung der Übstücke auf Instrumente mit entwickelterer Klangform (Geige, Klavier usw.). Material, Form und Spieltechnik der Instrumente sind geistige Gestaltkräfte. Für diese innere Stufung der Tonqualität und Klanggestalt muß der Klangsinn wieder hellhörig werden.

In dem hier angedeuteten Sinne wird die Musikerziehung der Gegenwart aufbauen müssen. wenn sie die Zeichen der Zeit versteht. Nur das naturhaft Echte ist in seiner künstlerischen Gestalt vollendet, und nur das aus dem Gesetz Gestaltete ist lebendig und kann für die heutige Erziehung als Volks- und Menschenbildung wirksam werden.

Fritz Reusch

Nachweise

Textnachweis Kommentar:

Fritz Reusch: »Vorwort an den Musikerzieher«, in: Carl Orff (Hrsg.): Orff-Schulwerk. Elementare Musikübung, Bd. A1: Rhythmisch-melodische Übung, Mainz 1933, S. 3 f.

Bildnachweis:

[Titelseite] Carl Orff (Hrsg.): Orff-Schulwerk. Elementare Musikübung, Bd. A1: Rhythmisch-melodische Übung, Mainz 1933.