Orpheus

L’Orfeo. Favola in musica di Claudio Monteverdi (1607)

in freier Neugestaltung von Carl Orff

Textfassung von Dorothee Günther

 

Besetzung: Sprecher, Solisten (SATB), Chor, Tänzer, Orchester

Sprache: deutsch

Kompositionsjahr: 1922, rev. Neufassungen 1923, 1929 und 1940

Uraufführung (1. Fassung): 17. April 1925 Mannheim, Nationaltheater (D)

Uraufführung szenisch (endgültige Fassung): 4. Oktober 1940 Dresden, Sächsisches Staatstheater (D) · Dirigent: Karl Böhm · Inszenierung: Heinz Arnold · Bühnenbild: Emil Preetorius

Aufführungsdauer: 60′

 

Das Werk Orpheus ist Teil des Triptychons  Lamenti

Besetzung detailliert
Personen: Sprecher – Orpheus (Tenor) – Eurydike (Sopran) – Die Botin (Alt) – Wächter der Toten (Bass) – Hirten, Nymphen, Schatten – gemischter Chor und Tanzgruppe

Orchester: 3 · 3 (3. auch Engl. Hr.) · 0 · 2 Bassetthr. · Bassklar. · 3 (3. auch Kfg.) – 0 · 3 · 4 · 0 – P. – 2 Hfn. · 3 doppelchörige Lauten – Str.

 

Aufführungsmaterial Schott Music

Inhalt
Ein Prolog, der kurz in die Handlung des Stücks einstimmt, eröffnet alsbald den Blick auf eine traumhafte arkadische Landschaft. Dort preisen der Sänger Orpheus und seine Gattin Eurydike inmitten fröhlicher Hirten und Nymphen leidenschaftlich ihr Liebesglück. Aber nur kurz währen diese goldenen Momente, denn wenig später stürzt eine Botin herbei, um dem einen Wald durchstreifenden Poeten behutsam Eurydikes jähen Tod nahezubringen. Orpheus, vom Schmerz überwältigt, nimmt all seinen Mut zusammen und macht sich auf den Weg ins Totenreich: Er will seine über alles geliebte Frau zurück erbitten. Kraft seiner herzzerreißenden Klage gelingt es ihm tatsächlich, den Wächter der Unterwelt zu erweichen. Dieser gibt Eurydike frei – aber unter einer Bedingung: Orpheus darf seine Gattin solange nicht ansehen, bis er mit ihr das Reich der Schatten verlassen hat. Alles scheint zu glücken; jedoch kurz vor dem Bestehen der Prüfung, in einem winzigen Augenblick des Zweifels, wendet sich Orpheus um – und verliert Eurydike für immer.
Kommentar
Orffs Schwierigkeit bei seiner ersten Einrichtung einer Monteverdi-Oper bestand vor allem darin, die Klangwelt der Renaissance neu zu erschaffen, weil die Originalpartitur, wie damals üblich, nicht für bestimmte Instrumente ausgeschrieben war: Sie enthielt zwar alle Vokalpartien, die Verteilung der Orchesterstimmen auf die verschiedenen Stimmen allerdings oblag im 17. Jahrhundert dem musikalischen Leiter und den Musikern. Hinzu kam für Orff das Problem, alte Instrumente aufzutreiben, die überdies zumeist von den damaligen Musikern nicht gespielt werden konnten. Zudem waren diese Musiker oft auch nicht mit dem Generalbassspiel vertraut. Des Weiteren bereitete die Aufstellung des Orchesters Orff immenses Kopfzerbrechen, bedingt durch die Tatsache, dass in Monteverdis Epoche das Orchester hinter der Szene positioniert war. Und nicht zuletzt störten den Komponisten zeitgebundene Elemente des Textes wie etwa Huldigungsfloskeln an den Fürsten. All dies führte im Endeffekt dazu, dass Orff eine grundlegende Neufassung einschließlich eines neuen dramaturgischen Werkkonzepts erstellte.

Nachdem sich in den zwanziger und dreißiger Jahren Orffs Bearbeitung des Orpheus recht großer Beliebtheit erfreute, setzte sich der Komponist nochmals mit seiner Bearbeitung auseinander und versuchte, die Aufführbarkeit des Werks hinsichtlich Textverständlichkeit, Instrumentierung und Dramaturgie zu verbessern.

Dies führte in der letzten Werkfassung 1939 schließlich dazu, dass Orff den Prolog der Musica durch eine der ältesten Fassungen des Orpheus-Mythos überhaupt ersetzte. Sie wurde vom Mönch Notker Teutonicus (auch Notker III. Labeo genannt) um 1000 im Kloster St. Gallen niedergeschrieben, als er De consolatione philosophiae, das philosophische Hauptwerk von Boethius, ins Althochdeutsche übertrug. In diesem Buch hatte Boethius am Ende des 12. Kapitels des 3. Buches die Orpheus-Geschichte in Form eines Gesangs überliefert. Orff seinerseits übertrug Notkers Übersetzung nun ins Hochdeutsche. An Textverständlichkeit und -deutlichkeit lag dem Komponisten so sehr, dass er auch Abschnitte, die in seiner Erstfassung der Chor interpretierte, in der Letztfassung einem einzelnen Sänger übertrug; andere Passagen wiederum, etwa die der Botin, formulierte Orff sprachlich noch prägnanter. Die Rolle des Orpheus wurde jetzt einem Tenor übertragen. Im Orchester nahm Orff gravierende Änderungen gegenüber seiner Erstfassung vor: Er strich beispielweise Cembalo, Orgel und Gamben und schuf ein neues, modernes Klangbild.

Nachweise

Textnachweis Inhalt/Kommentar:

Johannes Schindlbeck: »Orpheus«, in: Carl Orff. Ein Führer zu den Bühnenwerken, Mainz 2015, S. 27-30.

Bildnachweis:

[Titelseite] Carl Orff: Orpheus – Claudio Monteverdi’s Orfeo. Favola in musica 1607, Partiturautograph, 1922, BSB, Musikabteilung, Nachlass Carl Orff, Orff.ms.4 | © Carl-Orff-Stiftung/Archiv: Orff-Zentrum München.