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Catulli Carmina I

Sieben Chorsätze a cappella

 

Textdichter/-vorlage: Catull

Besetzung: gemischter Chor (SMezATBarB)

Sprache: lateinisch

Entstehungszeit: 1930

Publikationsjahr: 1931

Werkteile / Gliederung
Odi et amo

Vivamus, mea Lesbia

Lugete o Veneres

Ille mi par esse deo videtur

Ammiana

Miser Catulle

Nulla potest mulier

Kommentar
August 1930. Nach fast sechs Jahren ununterbrochener Arbeit am Schulwerk, an der Entwicklung einer neuen, elementaren Musikerziehung, war der Zeitpunkt für eine Veröffentlichung des bisher Fertiggestellten und Erreichten gekommen.

Davor wollte ich eine Atempause, eine größere Zäsur, einlegen und eine längst geplante Reise nach Italien unternehmen. Das Land zu erleben, mit dem ich mich in meiner Arbeit schon immer verbunden fühlte, war für mich ein Ereignis. Nach erholsamen Wochen am Gardasee besuchte ich als Abschluß noch das vielgerühmte Sirmione, die Halbinsel am Südende des Sees mit den »Grotten des Catull«, die in Wirklichkeit imposante Ruinen einer großzügigen Badeanlage aus spätrömischer Zeit sind.

Ich war so entspannt, ausgeruht und aufnahmebereit, daß es nur eines Anstoßes bedurfte, um Neues in mir aufbrechen zu lassen. Am letzten Abend vor meiner Heimkehr besorgte ich mir noch Karten vom See, von Sirmione und der Halbinsel, wobei mir eine durch ihre südländische Buntheit besonders auffiel: »Grotte di Catullo, tramonto sul lago di Garda«.

Darunter stand Catulls berühmtes Distichon:

Odi et amo. quare id faciam, fortasse requiris. nescio, sed fieri sentio et excrucior.

Diese Zeilen, kurz und wie gemeißelt, faszinierten mich, sie waren für mich Musik. Ein Funke sprang über und hatte gezündet.

Auf der Heimfahrt am nächsten Tage skizzierte ich den Chor, der sich mir aufdrängte und der in seiner Endfassung nicht viel von dem ersten Entwurf abweicht. Zuhause angekommen, verschaffte ich mir gleich Catulls Gedichte. Der kleine Band war für mich eine Fundgrube. Die Gedichte sprangen mich an wie vorgeformte Musik. So entstand ein erster Zyklus:

Catulli Carmina I

Sieben Chorsätze a cappella

Odi et amo
Vivamus, mea Lesbia
Lugete, o Veneres
Ille mi par esse deo videtur
Ammiana
Miser Catulle
Nulla potest mulier

Ich hatte die Sätze »con entusiasmo« entworfen und in kürzester Zeit niedergeschrieben.

Nahezu alle Gedichte Catulls sind Spiegelungen eigener Erlebnisse. Sein entscheidendes war die Liebe zu einer ebenso berühmten wie berüchtigten Dame der großen Welt, Clodia Pulcher, die er in seinen Dichtungen Lesbia nannte.

[…]

Das Catullfieber ließ mich nicht mehr los und ich stellte einen zweiten Zyklus zusammen, Chöre, die weiträumig und größer konzipiert waren.

Catulli Carmina II

Drei Chorsätze a cappella

Iam ver egelidos
Multas per gentes
Paene insularum Sirmio

Auch diese drei Gedichte sind aus Catulls Biographie zu verstehen:

»Iam ver egelidos«
Aufbruch zu einer Reise nach Kleinasien,

»Multas per gentes«
Auf der Reise nach Kleinasien am Grabe des geliebten Bruders,

»Paene insularum Sirmio«
Glückliche Heimkehr an den Lacus Benacus und ins heimatliche Sirmio, wo er seine Jugend verbrachte.

Weder für den ersten noch für den zweiten Catullzyklus konnte ich prominente Chorleiter interessieren, sie fanden zu den Stücken keinen Zugang. So kam es nur zu einigen unbedeutenden Aufführungen, die meinen Intentionen keineswegs entsprachen.

Das Entscheidende aber war, daß in den Chören um Lesbia ein anderes, für mich viel wichtigeres Werk in nuce schon enthalten war: »Catulli Carmina, ludi scaenici«.

Aus dem dritten Chorsatz der Catulli Carmina I (»Lugete o Veneres«) ist der durchgehende Ostinato in Trionfo di Afrodite (»flere desine, non tibi Aurunculeia«, S. 161) eingegangen.

Außerdem erlebte der dritte Chorsatz aus Catulli Carmina II »Sirmio« eine beziehungsvolle Großformung als Finale des ersten Teils der Bernauerin (Bd. VI).

Nachweise

Textnachweis Kommentar:

Carl Orff (Hg.): Carl Orff und sein Werk. Dokumentation, Bd. IV: Trionfi. Carmina Burana – Catulli Carmina – Trionfo di Afrodote, Tutzing 1979, S. 7-27.

Bildnachweis:

[Titelseite] Carl Orff: Catulli Carmina I, Partitur, Mainz 1931.