Das Orff-Zentrum München ist vorerst bis zum 07.03.2021 geschlossen.

+49 89 288 105 0

Rufen Sie uns an

Logo Orff-Zentrum München

Mo-Fr: 9 bis 17 Uhr

Wochenende geschlossen

a

Cantus-Firmus-Sätze I

Zwölf alte Melodien für Singstimmen oder Instrumente

 

Textdichter/-vorlage: diverse

Besetzung: gemischter Chor (SATB)

Sprache: deutsch, mittelhochdeutsch, lateinisch

Entstehungszeit: 1925–1932

Publikationsjahr: 1932 [ohne Editions-Nr.]

Aufführungsdauer: 8′

 

Diese Auflage ist nur noch antiquarisch erhältlich.

 

Siehe auch: Orff-Schulwerk. Jugendmusik – Cantus-Firmus-Sätze

Aufführungsmaterial Schott Music (Neuauflage 1982, ED 4454)

Inhalt
  1. Es ist ein Ros entsprungen
  2. Christ ist erstanden
  3. Veni creator spiritus
  4. O Lux beata trinitas
  5. Media vita
  6. Spottlied (Ach du armer Judas)
  7. Spottlied (Winteraustreiben)
  8. Mein G’müth ist mir verwirret
  9. Insbruck, ich muß dich lassen
  10. Ach sorg, da mußt zurücke stan
  11. Der grimmig Tod
  12. Ich wolt, daß ich doheime wer
Kommentar

Diese Sätze können beliebig von Singstimmen und Instrumenten, auch in anderen als den vorgeschriebenen Tonarten ausgeführt werden.

Bei verschiedenen ist es ratsam, jeweils nach Verwendung und Gelegenheit Neutextierungen vorzunehmen. Wie wenig diese alten Melodien an eine textliche Vorstellung gebunden sind, zeigen die in den Anmerkungen beigegebenen Textvarianten, die nicht historisch, sondern als Hinweise zu verstehen sind.

Carl Orff

***

Anmerkungen:

zu I:
Altes Marienlied, das wohl schon dem 15. Jahrhundert angehört. Im Mainzer Cantual 1605 wird es »Das alt Chatholisch Triersche Christliedlein« genannt.
F. M. Böhme, Altdeutsches Liederbuch

zu II:
Das Osterlied »Christ ist erstanden von der marter alle« ist nach literaturhistorischen und hymnologischen Forschungen das älteste erhaltene Lied des deutsch-geistlichen Volksgesanges, das aller Wahrscheinlichkeit nach schon um die Mitte des 12. Jahrhunderts bekannt war, da wir es bereits im Laufe des 13. Jahrhunderts als ein bekanntes erwähnt finden. Es scheint auch in Osterspielen ein üblicher Gesang gewesen zu sein.
F. M. Böhme, Altdeutsches Liederbuch

zu III:
»Veni creator spiritus« vielleicht ältester Hymnus auf den heiligen Geist. Stammt wahrscheinlich von Hrabanus Maurus († 856) und war vom 9. Jahrhundert an sehr verbreitet.
Buchberger, Kirchliches Handlexikon

zu IV:
Ambrosius († 397) gilt mit Gewißheit als Verfasser.
Böhring, Choralkunde

zu V:
Der deutsche Text ist eine freie Obersetzung des »Media vita«, einer lateinischen Dichtung von Notker Balbulus zu St. Gallen († 910), welche er vor 880 dichtete und die mit ihrer neumierten Melodie im St. Gallener Codex erhalten ist. Nach einer Sage soll Notker zu dem Gedicht angeregt worden sein, als er beim Bau einer Brücke über das Martins­Tobel die Gefahr der über dem tiefen Abgrund schwebenden Werkleute sah. Das lateinische Gedicht ist in ganz Europa verbreitet. Der Anfang des Originals lautet: Media vita in morte sumus, quem quaerimus adjutorem, nisi te domine, qui pro peccatis nostris juste irasceris …
Deutsche Bearbeitungen sind schon im 14. Jahrhundert bekannt. Man legte dem Liede sogar abergläubische Wirkungen bei, sodaß 1316 eine Kölner Synode verordnete »Niemand solle dieses Lied ohne Erlaubniß eines Bischofs gegen Jemanden singen.« Der deutsche Gesang wurde im Felde als Kriegsgesang gebraucht und auf Meereswogen übertönte er die Schrecken des Todes.
F. M. Böhme, Altdeutsches Liederbuch

zu VI:
O du armer Judas, was hast du getan,
daß du unsern Herren also verraten hast !
Darumb mus tu leiden in der helle pein,
Lucifers geselle mus tu ewig sein.
Kyrieleison.

Diese etwas plärrende, wehleidig-spöttische Melodie nach dem »Laus tibi Christe qui pateris«, die wir auch in der Geschichte des Passionsdramas wieder antreffen werden, hat eine große Rolle als Mittel politischer lronie gespielt. Kaiser Maximilian I. fuhr, als er den Regensburgern wegen ihrer treulosen Haltung gegen das Reich zürnte, auf einem Donauschiff an der Stadt vorüber und ließ von der Hofkapelle instrumentaliter »carmen illud maledictum Ach du armer Judas« blasen, was sich die Bürger vom Ufer her mit roten Köpfen anhörten. Zahllos sind dann die Parodien in den Reformationskämpfen: 1520 sang man wider Thomas Murner »O du armer Murr-Narr, was hastu getan, daß du also blint in der heiligen Schrift bist gan?« und 1541 griff Luther es in seiner Schrift »Wider Hans Worst’« gegen Herzog Heinrich von Braunschweig auf: »Ach du arger Heintze, was hastu gethan, das du vil fromme Menschen durch fewer hast morden lan?« Die Katholischen sangen es auf Zwingli, in der »Historia Dr. Johann Fausten« (Frankfurt a. M. 1587) singt es der böse Geist dem Faust vor, und noch im Dreißigjährigen Krieg prägte man es auf den flüchtigen Winterkönig um, während es mit dem Text »O wir armen Sünder« (1550) bis heute als protestantischer Choral fortlebt.
nach H. J. Moser, Geschichte der deutschen Musik

zu VII:
So treiben wir den Winter aus
durch unsere Stadt zum tor hinaus
mit sein betrug und listen,
den rechten antichristen.
Wir stürzen in von berg zu tal,
damit er sich zu tode fall,
und uns nicht mehr betrüge
durch falsche ler und lüge.

Das Lied vom Winteraustreiben oder Todaustragen ist ein uraltes Volkslied. Sein Inhalt und die Zeremonie bei seiner Ausführung hängt noch mit der altgermanischen Mythologie zusammen. Es wurde von der Jugend heim Frühlingsfeste am Totensonntage (Laetare, in Mitterfasten) gesungen unter Vorantragen einer Strohpuppe, die den Winter darstellen sollte.

Auf die gleiche Melodie die Lieder vom Papstaustreiben, auch »ein new liedt vom Interim« (1548):

Bewar mich godt vorm Interim,
ein großen schalck hats Interim,
es hat der Teufel selbst erdacht,
gen Auspurgk auf den Reichstag bracht.
Rath zu, wer wirdt der vater sein,
der zeuget hat das kindclein?
der teufel hat es selbst gethan,
bedrübt damit manch Christenman.
Ist kommen aus dem welschen Land,
sein Mutter allen wol bekannt:
der Babst ist nun zur Huren worden,
hat das Interim selbst geboren.
(es folgen noch 8 Strophen)
F. M. Böhme, Altdeutsches Liederbuch

zu VIII:
Text und Melodie von Hans Leo Haßler (1564-1612)

zu IX:
Ob Isaak die Singweise erfunden, läßt sich nur vermuten, aber nicht nachweisen; mit größter Wahrscheinlichkeit ist sie Volksweise gewesen, wie der Text ein Lied süddeutscher Handwerksgesellen war. Nach einer nicht verbürgten Überlieferung soll der Dichter des Liedes Kaiser Maximilian I. selbst sein, was bei der näheren Beziehung des Komponisten zum Kaiser nicht unwahrscheinlich wäre.
Das Volkslied mit seiner Melodie, die Isaak 1475 vierstimmig bearbeitete, muß mindestens aus dem 15. Jahrhundert stammen, war lange vor der Reformation beliebt, daß seine Weise schon vor 1505 zu einem geistlichen Liede benutzt wurde.
F. M. Böhme, Altdeutsches Liederbuch

zu X:
Melodie in den Souterliedekens 1540 »Sorghe, ghi moet bisiden stan«.
F. M. Böhme, Altdeutsches Liederbuch

zu XI:
Die Melodie steht am Paderborner Gesangbuch 1617 »Ein gar andächtig Gesang von dem Tode« und ist identisch mit dem Pavierlied (1525), darin der König von Frankreich als total geschlagen besungen wird (als Pavierton, in alten Drucken auc.li als »Thon vorn König von Frankreich« bezeichnet). Es ist das einst so beliebte Lied von der Pavierschlacht, in dessen Weise im 16. und 17. Jahrhundert eine große Zahl von historischen Liedern gesungen wird.

Was wölln wir aber heben an
ein newes lied zu singen,
wol von dem könig aus Frankreich,
Mailand wolt er bezwingen.
Das gschach man zelt tausend-fünf-hundert jar,
im fünf und zwanzigsten ists geschehen,
er zog daher mit heereskraft
hat mancher landsknecht gsehen.
Er zug für ein stat die heist Mailand
die selbig tet er zwingen,
darnach Tür ein stat die heist Pavia,
er meint, er wolts gewinnen.
Darin lag mancher landsknecht frisch,
des het der könig verschworen,
er sprach, sie solten die stat aufgeben
sie wär sunst schon verloren.
(es folgen noch 20 Strophen)
F. M. Böhme, Altdeutsches Liederbuch

zu XII:
Dieses geistliche Lied mit seiner Melodie, die mit der Jahrzahl 1430 überschrieben ist, steht unter den Gedichten des Heinrich von Loufenberg in der Straßburger Handschrift. Wahrscheinlich liegt dem Text und der Melodie ein weltliches Lied zugrunde.
F. M. Böhme, Altdeutsches Liederbuch

 

Nachweise

Textnachweise Kommentar:

  • Carl Orff [Vorwort], in: Carl Orff (Hg.): Cantus-Firmus-Sätze I, Partitur, Mainz 1932, S. 2.
  • N. N.: Anmerkungen, in: Ebd., o. S.

Bildnachweis:

[Titelblatt] Carl Orff: Cantus-Firmus-Sätze I, Partitur, Mainz 1932.