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Antigonae

Ein Trauerspiel des Sophokles in der deutschen Übersetzung von Friedrich Hölderlin

 

Textdichter/-vorlage: Sophokles

Besetzung: Solisten, Chor, Orchester

Sprache: deutsch

Entstehungszeit: 1940–1949

Uraufführung (szenisch): 9. August 1949 Salzburg, Felsenreitschule (A) Salzburger Festspiele 1949 · Res Fischer, Antigonae; Maria Ilosvay, Ismene; Benno Kusche, Chorführer; Hermann Uhde, Kreon; Helmut Krebs, Ein Wächter; Lorenz Fehenberger, Haemon; Ernst Haefliger, Tiresias; Josef Greindl, Ein Bote; Hilde Zadek, Eurydice · Dirigent: Ferenc Fricsay · Wiener Philharmoniker · Chor der Wiener Staatsoper · Inszenierung: Oscar Fritz Schuh · Kostüme: Caspar Neher · Bühnenbild: Caspar Neher

Aufführungsdauer: 140′

 

Antigonae ist Teil der Werkgruppe Griechische Tragödien

Besetzung detailliert
Personen: Antigonae · dramatischer Sopran – Ismene · Alt – Kreon – Bariton – Ein Wächter · Tenor – Hämon · Tenor – Tiresias · hoher Tenor – Ein Bote · Bass – Eurydice · Sopran – Chorführer · Bariton – Chor der Thebanischen Alten · Tenöre und Bässe

Orchester (nach Möglichkeit verdeckt): 6 (alle auch Picc.) · 6 (4.-6. auch Engl. Hr.) · 0 · 0 – 0 · 6 · 0 · 0 – P. S. (3 Glsp. · Crot. · 2-3 Xyl. · 8 Trogxyl. [Tenor u. Bass] · 2 Marimba · 2 Gl. · 3 Trgl. · 3 Beckenpaare · 3 hg. Beck. · Steinspiel · Holztr. · Holzschlitztr. · Amboss · 2 gr. Tr. · 6 Tamb. · 6 Kast. · 10 Buckelgongs) (10-15 Spieler) – 4 Hfn. · 6 Klav. – 9 Kb.

 

Aufführungsmaterial Schott Music

Inhalt
Bei dem Angriff auf Theben kämpfte Eteokles auf Seiten König Kreons, des Herrschers der Stadt; Polynikes hingegen, Eteokloes‘ Zwillingsbruder, focht auf Seiten der Belagerer. Im Verlauf der Kämpfe töteten sie sich gegenseitig. Eteokles wurde von Kreon ein Staatsbegräbnis ausgerichtet; der Leichnam des anderen aber soll nun, unter Androhung der Todesstrafe, unbestattet vor Thebens Mauern den Geiern zum Fraß verbleiben.

Antigonae, Schwester der Zwillingsbrüder, betrachtet es als Pflicht, auch Polynikes ein würdiges Begräbnis zu verschaffen und bittet ihre Schwester Ismene, bei der Bestattung zu helfen. Ismene, ängstlich, versagt ihr die Hilfe. Und so beerdigt Antigonae den Bruder, Kreons Verbot zum Trotz, auf eigene Faust. Ein Wächter beobachtet sie dabei und meldet die Tat dem König.

Kreon lässt die junge Frau vorladen und stellt sie ungehalten zur Rede. Antigonae jedoch vermag keinen Fehler in ihrem Handeln zu sehen, verteidigt es vielmehr selbstbewusst. Wütend verurteilt Kreon sie zum Tode. Ismenes Versuch, einen Teil der Schuld auf sich zu nehmen, weist Antigonae stolz von sich.

Der Verlobte Antigonaes, Kreons Sohn Hämon, versucht das Todesurteil abzuwenden, aber Kreon bleibt unerbittlich. Selbst die Warnungen des Ältestenrats schlägt er in den Wind. Antigonae wird bei lebendigem Leibe eingemauert.

In dieser verhängnisvollen Situation erscheint der blinde Seher Tiresias und warnt den König vor möglichen Folgen seiner Starrköpfigkeit. Kreon wird unsicher, will die Entscheidung revidieren. Aber zu spät: Ein Bote bringt die Nachricht, Antigonae habe sich in ihrem Verlies erhängt und Hämon daraufhin Selbstmord begangen. Doch nicht genug des Grauens: Eurydice, Kreons Gattin und Hämons Mutter, kann den Tod ihres Sohnes nicht verwinden und gibt sich gleichfalls den Tod. Kreon, völlig gebrochen ob der tödlichen Folgen seines Fehlurteils, wünscht nur noch zu sterben.

Kommentar
Schon bei seiner ersten Begegnung mit Hölderlins Antigonae-Übersetzung gelangte Orff zur Überzeugung, dass für eine authentische Aufführung das reine Wort nicht ausreicht, sondern – ganz im Sinne der griechischen Tragödie – der Verknüpfung mit Musik und Gebärde bedarf. Orff entwickelte daher einen gänzlich neuen Deklamationsstil: eine musikalisch gesteigerte, affektive Sprechweise, die alle Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme durchmisst und bis hin zu ariosen Aufschwüngen reicht. Zwangsläufig verlangte diese neue sängerische Ausdrucksform auch ein neues Instrumentarium: Orff entwarf ein facettenreiches Schlagwerkorchester, das völlig neuartige Optionen zur Behandlung der Sprech- und Singstimme bot. Durch die Zurücknahme des Orchesters und die Verlagerung des Ausdrucks in die menschliche Stimme rückte Orff den Darsteller und damit sein Spiel entschieden ins Zentrum des Bühnengeschehens.

In seiner Partitur gab der Komponist jeder einzelnen Szene eine unverwechselbare, stark schlagwerkgeprägte Gestalt – stets auf der klanglichen Grundfarbe der Klaviere. »Die Musik folgt einem Grundgesetz der griechischen Tragödie, alles Hörbare sichtbar und alles Sichtbare hörbar zu machen«, beschrieb Orff seine Konzeption.

Mit Beendigung des Werks hatte Orff in seiner kompositorischen Entwicklung einen entscheidenden Schritt gemacht. Zwar war das Ziel, Sprache, Musik, Bewegung zu vereinigen, auch in den vorhergehenden Werken bereits spürbar, doch erst durch die Sprache Hölderlins kam Orffs lebenslanges Bemühen nun zur Reife.

Nachweise

Textnachweis Inhalt/Kommentar:

Johannes Schindlbeck: »Antigonae«, in: Carl Orff. Ein Führer zu den Bühnenwerken, Mainz 2015, S. 89-91.

Bildnachweis:

[Titelseite] Carl Orff: Antigonae – Ein Trauerspiel des Sophokles in der deutschen Übersetzung von Friedrich Hölderlin, Partiturautograph, 1948, BSB, Musikabteilung, Nachlass Carl Orff, Orff.ms.67 | © Carl-Orff-Stiftung/Archiv: Orff-Zentrum München.